Begriff „Existenz“
Der Begriff existentia, von dem sich das deutsche Wort Existenz später ableitet, wird im 4. Jahrhundert n. Chr. als Übersetzung des griechischen hyparxis nachgewiesen, was soviel bedeutet wie Vorhandensein. In der scholastischen Philosophie erhielt der Begriff den Sinn von tatsächlich vorkommen und wurde zum Gegensatz des Begriffes Wesen, dem Was (essentia). Unter „Existenz” wird in der Existenzphilosophie die Besonderheit des Menschen (dessen Wesen man in diesen Kontexten als „Dasein“ beschreibt) vor allem anderen Seienden verstanden. Dies wird mit dem Satz „Das Wesen des Daseins ist seine Existenz” zum Ausdruck gebracht. Eine Pointe der Existenzphilosophie liegt in der speziellen Dichotomie der beiden Begriffe Existenz und Essenz, die sich insbesondere Jean-Paul Sartre zu Nutze machte.
Existenzphilosophie
Der Begriff Existenzphilosophie bezeichnet eine philosophische Richtung, die im Zentrum ihres Denkens die Existenz des Menschen im weitesten Sinne hat. Innerhalb der Existenzphilosophie werden zwar verschiedene Positionen beschrieben, die sich jedoch alle durch den grundlegenden Vorrang der Erhellung des eigentlichen Existierens vor allem spekulativen Idealismus oder dem Wissenschaftsglauben des Positivismus auszeichnen. Von der Existenzphilosophie im allgemeinen Sinne kann der Existentialismus als besondere Ausdrucksform der französischen Existenzphilosophie unterschieden werden.
Die Existenzphilosophie entwickelt sich ausgehend von dem Denken Søren Kierkegaards, der Philosophie Edmund Husserls und lebensphilosophischen Einflüssen im Anschluss an eine ideengeschichtliche Epoche, die hauptsächlich in der Dichotomie von spekulativem Idealismus und wissenschaftsbejahendem Positivismus steckte. Weniger eine Fortführung irgendeines Ansatzes, ist sie Ausdruck eines Losreißens von einer steckengebliebenen Philosophie und findet ihre Wurzel deshalb in verschiedensten philosophischen Richtungen, wie z. B. Phänomenologie, Ontologie, Lebensphilosophie, Dialogphilosophie, die ebenfalls auf der Suche aus der Krise sind. Die Existenzphilosophie bricht mit der Vorstellung eines Absoluten, sei es im Sinne des Deutschen Idealismus oder einer verabsolutierenden Wissenschaft, und stellt dem die Existenz des Subjekts (im Sinne von: das jemeinige Subjekt sein) als einziges Absolutes gegenüber.
Demnach ist für das Verständnis der Existenzphilosophie gerade der Bezug zum Deutschen Idealismus und den Wissenschaften wichtig. So zeigen sich denn auch die weitreichenden Einflüsse Georg Wilhelm Friedrich Hegels z. B. bei Sartre oder die intensive dialogische Auseinandersetzung Maurice Merleau-Pontys mit den Naturwissenschaften immer wieder in den Werken der Existenzphilosophen. Ihren besonderen Wert erhält die Existenzphilosophie durch ihre genaue Betrachtung des Menschen in seinem Menschsein, darin, wie sich der Mensch in dieser Welt und anderen Menschen gibt, das zu sehen, was Philosophie immer schon im Zentrum ihres Bemühens hat: den Weg zur Wahrheit. Ob sie nun phänomenologisch argumentiert oder wie Kierkegaard einen anderen Zugang sucht – im Zentrum steht der Mensch mit seinen ihn bestimmenden Zuständen wie Angst, Liebe, Sorge als authentisches Wesen, das sich nicht als festgelegtes Wesen wiederfindet, sondern als verantwortliches, freies und selbst entwerfendes Wesen versteht. Damit tritt der Mensch aus einem philosophischen Rahmen heraus, der ihn bis jetzt umgab. Dieser philosophische Rahmen war die Ordnung, des Mythos, die des Logos, ein Ordowissen des Mittelalters, der Glaube an eine Vernunft oder das Wissen um das Absolute. In der Existenzphilosophie treten nun, angestoßen durch Lebensphilosophie und andere Einflüsse, die Aspekte in den Vordergrund, die ausgeblendet durch die benannten Ordnungsschemata in der Philosophie bisher keine theoriebildende Kraft besaßen: Angst, Sorge, Liebe, Freiheit, Sexualität.
Die Schwierigkeit einer klaren Einordnung in die philosophische Systematik besteht in der Vielfältigkeit der Ansätze der Existenzphilosophie. So unterscheiden sich auch die allgemeinen systematischen Darstellungen der Philosophie in diesem Punkt. Sie allerdings nur auf den Aspekt des subjektiven Denkens zu reduzieren, verfehlt die methodischen Aspekte dieser Strömung und ihre Auseinandersetzung mit der Tradition.
Die Phänomenologie Husserls ist der methodische Grundbezug der meisten Autoren der Existenzphilosophie. Sie zeichnet sich deshalb besonders für die Fragestellung aus, oder ist mit dieser eng verwoben, da sie sich jeglicher Vormeinung über das Bestehende enthält und sich auf die unmittelbaren Phänomene bezieht um von dort aus eine Basis für die Wissenschaften zu erhalten.
Die Lebensphilosophie ist eine Strömung innerhalb der Philosophie des 19. Jahrhunderts, die den Begriff des menschlichen Erlebens in den Vordergrund philosophischen Bemühens stellt. Die meisten Vertreter der Existenzphilosophie beziehen sich auf das Werk von Søren Kierkegaard. Dieser erblickte im Willen zum philosophischen System eine Ablenkung vom Ernst der Besinnung, zu der der Einzelne – in je seiner Situation – angesichts des Anspruchs Gottes, zu dem er sich wesentlich verhält, aufgerufen ist. Aus der Angst, die dem Menschen seine Schuld, seine Sterblichkeit und Einsamkeit bewusst macht, darf nicht in die Sphäre des Allgemeinen (des Denkens oder der sozialen Konformität) geflohen werden; sie muss existierend übernommen werden.
Die zentrale Leistung des wegen seiner Sympathien für den Nazi-Faschismus umstrittenen Philosophen Martin Heideggers für die Existenzphilosophie bestand in der epochalen Fragestellung nach dem Sinn von Sein. Dieser Ansatz machte es systematisch nötig, die Existenz des Menschen nicht im Sinne Husserls als Ding unter anderen Dingen zu betrachten, sondern ihm eine eigene Seinsbedeutung zuzusprechen. Zentraler Gedanke hierbei ist die ontologische Differenz, die in dem Hauptwerk Sein und Zeit thematisch aufgefächert wird. Auch wenn Sein und Zeit von zentraler Bedeutung für die Existenzphilosophie war, verstand Heidegger sich selbst nicht als Existenzphilosoph und wehrte sich gegen eine rein existenzphilosophische Lesart von Sein und Zeit.

Die Grundideen der modernen Existenzphilosophie wurden jedoch lange vor Kierkegaard geboren, der französische Philosoph, Mathematiker und Physiker Blaise Pascal (1623-1662) nahm in seiner Essaysammlung „Gedanken“ das vorweg, was später zur Existenzphilosophie werden sollte. Er schreibt vom Elend und der Verlorenheit des Menschen im Leben und stellt die Frage, ob es überhaupt die Möglichkeit gibt, glücklich zu werden und unbeschwert zu leben, ohne ständig in Angst vor Tod, Not und Elend leben zu müssen -seine Antwort war der Rückgriff auf den katholischen Glauben. Diese „Gedanken“ greifen später alle wichtigen Existenzphilosophen auf und bearbeiten sie individuell.

In Frankreich gewann die Existenz-Philosophie als Existenzialismus seit dem Zweiten Weltkrieg an Gewicht, vor allem durch den Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus und seinen marxistischen Gegenspieler Jean-Paul Sartre (der einen ihm angetragenen Nobelpreis ablehnte) sowie dessen Lebensgefährtin Simone de Beauvoir.