Archiv für Juni 2014

Bock zum Gärtner des Tages: Comeback des „Arbeitsmarkt-Experten“ Peter Hartz

Daniela Lobmueh

Der Ex-VW-Manager und Ex-Bundesminister Peter Hartz durfte im öffentlich-rechtlichen Morgenmagazin von ARD & ZDF „Moma“ seine Ansichten zu einem Missstand zum Besten geben, den er selbst zumindest mit zu verantworten hat.
Peter Hartz ist ein Mann, nach dem das Elend einer ganzen Generation nicht ohne Grund benannt ist. Er exekutierte für Schröders Rotgrüne Bundesregierung die sogenannten Arbeitsmarkt-„Reformen“, die größtenteils auf dem Mist der Bertelsmann-Stiftung gewachsen waren. Bertelsmann-Medien bliesen kurz vor den Wahlen 2002 die üblichen Statistik-Mauscheleien des Arbeitsamtes zu einem Riesenskandal auf und halfen so die Bertelsmann-Strategie für ein Billiglohn-Deutschland durchzudrücken. Diese entzogen dem unteren Drittel der deutschen Gesellschaft die soziale Sicherheit, stürzen bis heute Millionen Familien ins Elend und werden von vielen als verfassungswidriges Vorenthalten von Grundrechten gesehen.
„Morgenmagazin“ stellt sich dumm
Davon wusste das „Morgenmagazin“ aber nichts. Als Kritik simulierendes Feigenblatt diente ARD & ZDF ein knapper Hinweis im Vorspann: Hartzens Arbeitsmarkt-Reformen hätten zu Billiglohn-Ausweitung und Protesten geführt. Ein schwarzer Pappsarg mit Aufschrift „Hartz IV-Opfer“ durfte für drei Sekunden von Demonstranten durchs Bild getragen werden. Das war’s an Sozialkritik. Der leutselige Moderator fand kein Wörtchen für die beklagten Opfer, „Arbeitsmarkt-Experte“ Hartz durfte öffentlich-rechtlich gebauchpinselt seine Ansichten zum Elend der Jugendarbeitslosigkeit und seine neuesten Ideen zur Abhilfe zum Besten geben.
Wie jedermann außerhalb der Mainstream-Medien weiß, liegt die Ursache der Sozialstaatskrise in einer korrupten Politik, die unsere Staatskassen von der Finanzindustrie ausplündern ließ. Von einer Finanzindustrie, die deshalb heute mehr denn je im Geld schwimmt. Angeblich geschah dies, weil es zur Finanzkrise keine andere Lösung gab: Die Bankenrettung auf Staatskosten war „alternativlos“. Warum wir heute nicht unser Geld bei den auf unsere Kosten sanierten Bankstern abschöpfen, genauer gesagt, zurückholen dürfen? Die Frage stellt kein Journalist und erspart so der Politik das peinliche Wiederholen der alten Globalisierungslügen, dann gingen die Reichen ins Ausland usw., usf.
Das Elend der Jugend Europas
Aber irgendwie lässt sich das Scheitern der Krisenpolitik doch nicht ganz verleugnen: Denn besonders die Zukunft der Jugend blieb dabei auf der Strecke: Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland 60%, Spanien 50%, Italien 40% usw. Also holen ARD&ZDF wie den Springteufel aus der Kiste Peter Hartz vor die Kamera –und was verkündet er da? Er und andere „Arbeitsmarkt-Experten“ hätten jetzt die Lösung für die von den Bankstern verursachte Misere der Jugend: Ein „Finanz-Instrument“.
Moment mal, waren es nicht gerade solche als „Finanz-Instrumente“ belobhudelten Betrugspapiere, mit denen die Bankster alles und jeden abgezockt hatten? Mit „Finanz-Instrumenten“ hatten die Bankster Anleger geprellt, Lebensversicherungen und Rentenkassen geplündert, Stadtkämmerer in ihr Finanzkasino gelockt und Steuergelder ergaunert, noch der letzten Rentnerin ihren Notgroschen aus der Tasche gezogen?
„Arbeitsmarkt-Experten“ wie Peter Hartz sehen keinerlei Schuld bei sich selbst, kein Hauch von Selbstkritik –und Kritik an ihren Freunden (oder sollte man besser sagen: Komplizen) in der Finanzindustrie gibt es schon gar nicht. Sogenannte „Ausbildungswertbriefe“ sollen nun laut Peter Hartz helfen, die ach so teuren Ausbildungen zu stemmen. Statt Steuern bei denen einzusammeln, die sich an der Krisen-Gaunerei goldene Nasen verdient haben, um sie an die Opfer von deren Finanzkriminalität als Wiedergutmachung weiterzugeben, soll ein neues Finanz-Eldorado geschaffen werden. Also sollen wir, so das Fazit von Hartz, ARD & ZDF, das Schicksal der Jugend genau in die Hände derer legen, denen sie ihr Elend verdankt.
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Peter Hartz, Arbeitsmarkt-Experte, VW-Manager, ARD, ZDF, Moma, Morgenmagazin, Jugendarbeitslosigkeit, Ausbildungswertbriefe, Finanzkrise, Finanzindustrie, Bankster, Finanzkriminalität, Korruption, Bertelsmann, Bertelsmann-Stiftung

Hartz 4: Neue Schikane per Gesetz?

Daniela Lobmueh

Falsche Entwarnung bei Hartz-IV-Novelle? Zunächst gab es einen Leak über die Geheim-Verhandlungen, dann Warnungen vor geplanter Brutalisierung der Gesetze. Die Hartz IV-Gesetze sind ein Verwaltungs-Alptraum. Sie öffnen der Schikane nach Gutdünken Tür und Tor, sind sie doch voller Kann-Regelungen, mit regional unterschiedlichen Verfahren, Sanktions-Terror und fehlerhaften Bescheiden am laufenden Band (oft zum Schaden der verelendeten H4-Opfer): Gegen-Hartz.de meldete just allein 200.000 Widerspruchsverfahren gegen Jobcenter-Bescheide.
Jobcenter-Mitarbeiter sind überfordert, aber Betroffene vermuten auch organisierte Unmenschlichkeit zur Drangsalierung der Arbeitslosen. Endziel: Lohndrückerei auf dem Arbeitsmarkt. Zugleich kostet der H4-Verwaltungsapparat immer mehr Steuergelder.
Wird Hartz IV ab 2015 weiter verschärft?
Nun ist eine „Vereinfachung des passiven Leistungsrechts“ geplant. Doch durchgesickerte Vorschläge einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe und der Bundesagentur für Arbeit (BA) würden, so erste Befürchtungen, die Hartz-IV-Regeln noch weiter brutalisieren, so Theodor Marloth. Der Bundestag soll im Herbst über das novellierte Gesetz abstimmen.
Existenzminimum 391 Euro im Monat
Die geheime Hartz-Novellen-Arbeitsgruppe hatte 2013 mehr als 120 Gesetzesänderungen vorgeschlagen. Ziel: Die wirren Hartz-IV-Regelungen „einfacher“ zu gestalten. Vor allem Klagen will man eindämmen, denn die enden in fast der Hälfte aller Fälle mit einem Sieg der somit rechtswidrig gegängelten Leistungsbezieher.
Der Regelsatz beträgt 391 Euro im Monat, ca. 12 Euro am Tag (plus Miete für eine angeblich „angemessene Unterkunft“). Unter 25jährige sollen nicht länger schon nach einem Regelverstoß zu 100 Prozent sanktioniert werden können -die Drangsalierung der Jungen soll auf das Niveau der milderen Schikane älterer Erwerbsloser und Aufstocker abgesenkt werden. Aber dabei sollen alle »Vergehen« gleichermaßen mit 30 Prozent Geldabzug für drei Monate bestraft werden. Das gilt derzeit zum Beispiel für die Ablehnung einer demütigenden „Maßnahme“ oder eines (früher unzumutbaren, aber im H4-Regime legalen) Jobangebots. Für verpasste Termine gibt es zehn Prozent Abzug vom mickrigen Existenzminimum. Angeregt wurde ferner, Aufstockungen für Selbständige auf zwei Jahre zu begrenzen. Erwerbslosen Alleinerziehenden will man den Mehrbedarf streichen. Anfang Juli will die Arbeitsgruppe einen Abschlussbericht vorlegen.
BMAS wälzt soziale Verantwortung auf Opfer ab
In seinem jüngsten Papier plädiert das BMAS (neuerdings Bundesministerium für Asoziales?) immerhin dafür, künftig nicht mehr die Unterkunfts- und Heizkosten zu kürzen. Solche drastischen Sanktionen treffen vor allem unter 25jährige, denen die Jobcenter wohl Frieren im Winter bzw. Obdachlosigkeit meinen zumuten zu dürfen. Bereits beim zweiten Verstoß gegen schikanöse Befehle vom Jobcenter können diese ihnen sogar dieses Geld streichen. Kürzungen des Existenzminimums hält das BMAS aber weiterhin für notwendig. Sie verstießen weder gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder die freie Berufswahl noch gegen die Menschenwürde, heißt es in einer „Unterrichtung“ vom BMAS vom 8. Mai. So schreibe das Grundgesetz nicht vor, dass Sozialhilfe „voraussetzungslos“ gewährt werden müsse, meint das BMAS. Als nächstes werden die AsozialpolitikerInnen dann wohl von H4-Opfern verlangen, ihre Nieren zu verkaufen: Mit der Begründung, das Grundgesetz schreibe ja auch nicht vor, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit „voraussetzungslos“ gewährt werden müsse.
Außerdem, so das BMAS weiter, habe jeder zum Gemeinwohl beizutragen (außer Bankern, Politikern und dem BMAS offensichtlich). Der perfide Zynismus, den Opfern der Massenarbeitslosigkeit die Schuld für das Versagen von Politik und Wirtschaft zuzuschieben, wird damit auf die Spitze getrieben. Wenn die Konzerne und Großverdiener unseren gesellschaftlichen Reichtum immer unverschämter an sich raffen, sich vor jeder sozialen Verantwortung drücken und nicht einmal mehr angemessen Steuern zahlen, sollten sie belastet werden.
Ihre Privilegien rechtfertigen sich einzig und allein damit, dass ihr Reichtum der Gesellschaft nützt indem sie damit genug auskömmliche Arbeitsplätze für alle schaffen. Tun sie dies nicht, ist die Politik in der Pflicht, umzuverteilen. Doch weder rotgrüne, noch gar schwarzgelbe oder schwarzrote Regierungen haben diese Pflicht erfüllt. Sie folgten lieber dem Masterplan von Bertelsmann, den der Milliardenkonzern mit seiner Stiftung und seiner Medienmacht durchboxte -und viele von ihnen bekamen dafür lukrative Posten oder wenigstens mediale Karrierebeihilfe.
Hannemann-Petition zynisch gekontert
Mit diesen zynischen Verlautbarungen reagierte das BMAS erstmals auf die Petition zur Abschaffung der Sanktionen der Ex-Jobcentermitarbeiterin Inge Hannemann. Inge Hannemann und Katja Kipping (Linke) argumentieren dagegen: 2010 und 2012 hatte das Bundesverfassungsgericht klargestellt, der Hartz-IV-Regelsatz entspreche dem existentiellen und soziokulturellen Minimum, das „jedem jederzeit gewährt“ werden müsse. In letzterem Urteil erklärte es deshalb Kürzungen bei Asylbewerbern für unzulässig. Es ist nicht einzusehen, warum dies nicht für alle anderen auch gelten sollte -vielmehr scheint unsere politische Klasse in Wirtschaft, Justiz, Parlament und Exekutive hier „Teile und herrsche“ spielen zu wollen: Man will Asylbewerber gegen Hartz-Opfer ausspielen -die Rassisten werdens ihnen danken.
Kleine Verbesserungen feiern?
Angesichts der immerhin milden Verringerung der ursprünglich geplanten Brutalisierung der Gesetze sagte Inge Hannemann am Freitag im Gespräch mit der jungen Welt: „Ich bin durchaus der Ansicht, dass wir einige Verschärfungen ausbremsen konnten.“
Nun gut, auch kleine Siege sollen gewürdigt werden. Aber Wachsamkeit bleibt nötig, denn die Mini-Zugeständnisse sehen nach Augenwischerei aus und könnten sogar später kassiert werden. Ausreichen können sie ohnehin nicht, um die Menschenwürde auch des unteren Drittels der Bevölkerung wieder herzustellen.

Brecht das Schweigen: Ein Weltkrieg droht!

John Pilger (australischer Journalist und Dokumentarfilmer, am 6.6.1968 Zeuge des Mordes an R.F.Kennedy, 1963-86 Auslandschef des Daily Mirror)

Warum nehmen wir die Gefahr eines weiteren Weltkriegs in unserem Namen einfach so hin? Warum erlauben wir die Lügen, die dieses Risiko rechtfertigen sollen? Harold Pinter schrieb einst, daß das Ausmaß unserer Indoktrinierung ein „brillanter, sogar witziger und höchst erfolgreicher Akt von Hypnose“ ist, ganz so als wäre die Wahrheit „nie geschehen, selbst zu der Zeit nicht, als sie sich zutrug“.

Gegenwärtig führt das Pentagon in 124 Ländern „Spezialoperationen“ durch
Jedes Jahr veröffentlicht der amerikanische Historiker William Blum seine „aktualisierte Zusammenfassung der amerikanischen Außenpolitik“, die belegt, daß die USA seit 1945 versucht haben mehr als 50 Regierungen zu stürzen, viele davon demokratisch gewählt; daß sie sich grob in Wahlen in 30 Ländern eingemischt haben, die Zivilbevölkerung von 30 Ländern bombardiert und dabei chemische und biologische Waffen benutzt haben, und daß sie versuchten ausländische Führungspersönlichkeiten zu ermorden.

In vielen Fällen war Großbritannien dabei Mittäter. Das Ausmaß menschlichen Leids, von der Kriminalität dieser Taten ganz zu schweigen, wird im Westen kaum wahrgenommen, trotz der modernsten Kommunikationsmedien und des vorgeblich freiesten Journalismus auf diesem Planeten. Daß die meisten Opfer des Terrorismus – „unseres“ Terrorismus – Muslime sind, darf nicht gesagt werden. Die Tatsache, daß der radikale Islamismus mit seinem „heiligen Krieg“, der zu den Anschlägen vom 11. September geführt hat, als Waffe der anglo-amerikanischen Politik (Operation Zyklon in Afghanistan) gehegt und gepflegt wurde, wird unterdrückt. Im April stellte das US-Außenministerium fest, daß Libyen in der Folge der NATO-Bombardierung im Jahre 2011 „zu einem sicheren Hafen für Terroristen geworden ist“.

Die Bezeichnung für „unseren“ Feind hat sich über die Jahre hinweg immer wieder geändert, vom Kommunismus bis zum Islam, aber allgemein gesprochen ist es jede vom Westen unabhängige Gesellschaft, die auf strategisch wichtigem oder rohstoffreichem Territorium siedelt. Die Führer dieser störenden Nationen werden in der Regel gewaltsam aus dem Weg geräumt wie etwa die Demokraten Mohammad Mossadeq im Iran oder Salvador Allende in Chile, oder sie werden ermordet wie Patrice Lumumba im Kongo. Alle werden in den westlichen Medien als Karikaturen ihrer selbst oder als Schurken dargestellt – man denke an Fidel Castro, Hugo Chavez und jetzt Wladimir Putin.

Washingtons Rolle in der Ukraine unterscheidet sich von all diesem lediglich in den Auswirkungen, die die Geschehnisse für uns alle haben könnten. Zum ersten Mal seit den Jahren der Reagan-Regierung, drohen die USA damit, Krieg in der gesamten Welt auszulösen. Nachdem Osteuropa und der Balkan jetzt militärische Vorposten der NATO sind, wird jetzt der letzte „Pufferstaat“ an Rußlands Grenze zerrissen. Wir im Westen unterstützen Neonazis, wo ukrainische Nazis Hitler unterstützten.

Nachdem Washington im Februar den Umsturz gegen die demokratisch gewählte Regierung in Kiew organisiert hatte, schlug der Versuch fehl, Rußlands legitime eisfreie Marinebasis auf der Krim unter amerikanische Kontrolle zu bringen. Die Russen verteidigten sich, so wie sie es seit beinahe einem Jahrhundert gegen jede Bedrohung und Invasion aus dem Westen getan haben.

Aber die militärische Umzingelung des Landes durch die NATO hat sich beschleunigt, ebenso wie von den USA koordinierte Angriffe auf die russische Minderheit in der Ukraine. Wenn Putin dazu provoziert werden kann, diesen zur Hilfe zu eilen, wird seine von vorneherein festgelegte Rolle als „Paria der westlichen Wertegemeinschaft“ einen von der NATO geführten Guerilla-Krieg rechtfertigen, der sich höchstwahrscheinlich auch innerhalb Rußlands ausbreiten wird.

Putin hat sich in der Identifizierung der Kriegsparteien getäuscht, indem er eine Verständigung mit Washington und der Europäischen Union suchte, indem er Truppen von der ukrainischen Grenze zurückzog und indem er die russische Minderheit zu bewegen suchte, von dem provokativen Referendum zur Unabhängigkeit vom letzten Wochenende Abstand zu nehmen. Diese Russisch sprechenden und zweisprachigen Menschen – ein Drittel der Bevölkerung der Ukraine – streben seit langem eine demokratische Föderation an, die die ethnische Vielfalt des Landes widerspiegelt und ebenso autonom ist wie unabhängig von Moskau. Die meisten von ihnen sind weder „Separatisten“ noch „Rebellen“, sondern schlicht Bürger, die sicher und friedlich in ihrer Heimat leben möchten.

Wie die Ruinen des Irak und Afghanistans ist die Ukraine in einen Themenpark der CIA verwandelt worden – organisiert von CIA-Direktor John Brennan in Kiew, mit „Spezialeinheiten“ von CIA und FBI, die „Sicherheitsstrukturen“ schaffen, die brutale Übergriffe auf jene überwachen, die sich dem Putsch vom Februar entgegenstellten. Sehen Sie sich die Videos an und hören Sie die die Augenzeugenberichte von dem Massaker in Odessa in diesem Monat. Mit Bussen herangeschaffte Nazischläger setzten das Gewerkschaftshaus in Brand und töteten dabei 41 Menschen, die in dem Gebäude eingeschlossen waren. Sehen Sie selbst, wie die Polizei tatenlos dabei zusah. (1) Ein Arzt beschrieb, wie er versuchte, Menschen zu retten, „aber ich wurde von pro-ukrainischen Nazis zurückgehalten. Einer von ihnen stieß mich grob zur Seite und versprach mir bei dieser Gelegenheit, daß mich und andere Juden in Odessa bald dasselbe Schicksal ereilen werde … Ich frage mich, warum die Welt zu diesen Dingen schweigt.“

Russisch sprechende Ukrainer kämpfen um ihr Überleben. Als Putin den Rückzug russischer Truppen von der Grenze ankündete, prahlte der Verteidigungsminister der Junta in Kiew – ein Gründungsmitglied der faschistischen Partei Svoboda – daß die Angriffe gegen die „Aufständischen“ weitergehen werden. Nach Orwellschem Muster hat die Propaganda des Westens dieses so verdreht, daß es nun heißt, Moskau „versuche, Konflikt und Provokation zu orchestrieren“, wie es der britische Außenminister William Hague ausdrückte. Sein Zynismus steht im Einklang mit Obamas grotesken Glückwünschen an die Junta in Kiew wegen der „bemerkenswerten Zurückhaltung“, die sie in der Folge des Massakers von Odessa geübt habe. Illegal und von Faschisten beherrscht, wird die Junta von Obama gleichwohl als rechtmäßig gewählt bezeichnet. Wie (Kriegsverbrecher) Henry Kissinger einst meinte, kommt es nicht auf die Wahrheit an, sondern auf das, „was für wahr gehalten wird.“

In den US Medien wurde das Massaker von Odessa als „undurchsichtiges Ereignis“ und „Tragödie“ heruntergespielt, bei dem „Nationalisten“ (Neonazis) „Separatisten“ (Leute, die Unterschriften für das Referendum über eine föderalistische Ukraine sammelten) angegriffen hätten. Rupert Murdochs Wall Street Journal beschuldigte gar die Opfer – „Regierung sagt: Tödliches Feuer in der Ukraine wahrscheinlich von den Rebellen ausgelöst“. Die Propaganda in Deutschland verwies direkt auf den kalten Krieg – die Frankfurter Allgemeine Zeitung warnte ihre Leser vor Rußlands „unerklärtem Krieg“. Für Deutsche ist es hinterhältige Ironie, daß Putin der einzige Staatsführer ist, der den Aufstieg des Faschismus im Europa des 21. Jahrhunderts verurteilt.

Eine gängige Binsenweisheit besagt, daß sich die Welt in der Folge des 11. September 2001 gewandelt habe. Aber was hat sich geändert? Nach Ansicht von Daniel Ellsberg, der seinerzeit als Whistleblower Unterlagen des Pentagon veröffentlichte, die das verbrecherische Vorgehen der USA in Vietnam dokumentierten, hat in Washington ein stiller Putsch stattgefunden, nach dem jetzt ein zügelloser Militarismus Maßstab und Ausrichtung der US-Politik ist. Gegenwärtig führt das Pentagon in 124 Ländern „Spezialoperationen“ durch. Daheim in den USA sind wachsende Armut und rapide verschwindende Freiheitsrechte der Kollateralschaden für den permanenten Kriegszustand. Addieren wir hierzu noch die Gefahr eines Nuklearkriegs, so stellt sich die Frage: Warum nehmen wir dies alles hin? (PK)

(1) YouTubeVideo dazu

Homepage von John Pilger

Dieser Text von John Pilger erschien bei Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt, übersetzt von Hergen Matussik, herausgegeben von Susanne Schuster.
John Pilger ist ein australischer Journalist und Dokumentarfilmer. Von 1963 bis 1986 war Pilger Leiter der Auslandsredaktion des „Daily Mirror“.
reblogged von Neue Rheinische Zeitung (Online-Portal)
siehe auch NachDenkSeiten:
Von ARD&Co. übersehen? US-Parlament fordert Kontrolle der US-Kriegsführung (Daniela Lobmueh)