Archiv für Oktober 2013

Schweigespirale Online -Die Hl. Noelle-Neumann2.0

Rezensent: Dreger van Guerre
Dreist verdrängt wird heute immer noch die NS-Vergangenheit der konservativen Umfrage-Päpstin Noelle-Neumann (+), die unter Goebbels Karriere machte. Sie erklärte einst den Nazis, wie man neueste US-Methoden der Meinungsforschung nutzt. Nach dem Krieg folgte ihre zweite Karriere im Westen. Sie kam ausgerechnet nach Willy Brandts Wahlsieg auf die Idee ihrer „Schweigespirale“… zum Nutzen der CDU. Jetzt wurde ihre umstrittene Theorie von willigen Jüngern auf das Internet übertragen.

Zur Rezension von Schulz/Rössler: „Schweigespirale Online: Die Theorie der öffentlichen Meinung und das Internet“

„Welche Erklärungskraft besitzt eine Theorie der öffentlichen Meinung aus den 1970er Jahren heute noch, in Zeiten des stetig wachsenden Internetkonsums?“ Diese Frage stellt sich das Autorenduo Schulz/Rössler und trägt damit einen Klassiker der Publizistik in die „Reihe Internet Research“. In diesem Band, so der Klappentext weiter, stehe Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale auf dem Prüfstand. Ziel soll eine Analyse sein, ob und inwiefern Meinungsbildungsprozesse im Internet durch die alte, umstrittene Schweigespiraltheorie erklärt werden können. Übersehen bzw. verdrängt wird dabei die NS-Vergangenheit Noelle-Neumanns, die unter Goebbels Karriere machte. Sie erklärte den Nazis nach einer Studienreise durch die USA, wie man neueste Methoden der Meinungsforschung zur Massenmanipulation nutzen kann. Nach dem Krieg machte sie eine zweite Karriere in Westdeutschland und kam ausgerechnet nach Willy Brandts Wahlsieg auf die Idee ihrer „Schweigespirale“: Wie eine dominante Medienwalze (der ARD angeblich zugunsten der SPD damals) Minderheitsmeinungen mundtot machen kann -warum ihr dies nicht im autoritären Adenauer-Regime oder unter Hitler aufgefallen war, blieb ihr Geheimnis. Für die CDU war dies Munition für ihre jahrzehntelange Kampagne gegen angeblichen „Rotfunk“, weil im Fernsehen auch nicht-konservative Stimmen zu Wort kommen durften. Schulz/Rössler haben jedoch kein Interesse an Vergangenheitsbewältigung oder kritischen Fragen, sie wollen die „Schweigespirale“ zum tollsten Ding seit der Erfindung der Glühbirne aufbauschen und ihre Nützlichkeit auch in Zeiten des Internet nachweisen…
Kommunikationswissenschaftler mit PR in eigener Sache
Die Kommunikationswissenschaft bildet heute emsig das wachsende Heer der Werbe- und PR-Arbeiter aus und entsprechend erfolgt das lautstarke Anpreisen ihrer Ergebnisse. So heißt es in der Einleitung von Schulz/Rössler, Noelle-Neumanns Schweigespirale gehöre zu den „am häufigsten zitierten Theorien der Medienwirkungsforschung“ sowie den „einflußreichsten Publikationen der Disziplin“ sogar zu den „wohl am intensivsten diskutierten Theorien der Geschichte der Kommunikationswissenschaft“ (S.14). Die Autorin des so belobigten Klassikers habe „auf wissenschaftlicher, medialer und auch auf politischer Ebene… von sich Reden gemacht“, gehöre zu den „international sichtbarsten deutschen Kommunikations-WissenschaftlerInnen“ und sei „mit ihren Arbeiten auch nach ihrem Tod 2010 sowohl in Fachkreisen als auch außerhalb dieser Grenzen nach wie vor sehr präsent“ (S.13). Die Relevanz ihres Themas ist also nach Ansicht der Autoren immens und die Aufgabe geradezu gewaltig: Die Etablierung des Internet und die damit einhergehende Fülle von Informationen, neu entstandene Formen des Journalismus sowie das sich ändernde Selektions- und Rezeptionsverhalten des Publikums scheinen die zentralen Annahmen der Schweigespirale vor nur schwer überwindbare Herausforderungen zu stellen.

Noelle-Neumann im „Neuland Internet“
Das Ziel der Noelle-Neumann-Jünger: Die Veränderungen im Zeitalter des Internets analysieren und Noelle-Neumanns „Theorie der öffentlichen Meinung“ daraufhin weiter zu entwickeln.
Schulz/Rössler beginnen in Kapitel 1 zu theoretischen Grundlagen mit einem Ausflug in die Geschichte der Publizistik bzw. Medienwirkungsforschung. Noelle-Neumann habe das seit den 1940er-Jahren dominierende „Paradigma schwacher Medienwirkung“, wonach „Massenmedien nur geringe meinungsändernde Effekte erzielen könnten“ umgeworfen. Haben Lazarsfeld et al. anhand der US-Präsidentschaftswahl von 1940 in ihrer Studie „The People‘s Choices“ mit der selektiven Wahrnehmung der Rezipienten noch die Medienunwirksamkeit begründet, sei dies ab Beginn der 1970er bezweifelt worden (S.20). Schon Goebbels Propaganda-Maschine der gleichgeschalteten deutschen Medien, die den Deutschen den Glauben an Führer, Volk und Vaterland sowie deren Endsieg mittels Wunderwaffen eintrichterten, hätte hier Zweifel an Lazarsfelds Unwirksamkeits-These aufkommen lassen können. Auch Adenauers stramm propagierter Antikommunismus in der jungen BRD, der einen Mehltau des Schweigens über die Nazi-Verbrechen legte, wäre dafür geeignet gewesen. Erst die Hippy-Bewegung gegen den Vietnamkrieg zerriss diese Schweigemacht und fachte eine Debatte an, die Willy Brandt ins Kanzleramt trug.
Doch die Ex-Nazi-Medienfrau entdeckte Kritik an den Massenmedien erst, als ein Vierteljahrhundert CDU-Regime in Westdeutschland zuende ging. Ausgangspunkt waren wie bei Lazarsfeld Beobachtungen, die Noelle-Neumann in den Bundestagswahlkämpfen zuerst 1965 bzw. 1972 machte. Ihren „realweltlichen Anstoß fand die Theorie der öffentlichen Meinung in einem Problem“ des Wahljahres 1965. Dem repräsentativen Umfragematerial ihres Institutes für Demoskopie Allensbach entnahm sie, dass die beiden großen Parteien SPD und CDU/CSU bei der Frage nach der persönlichen Wahlabsicht der Bevölkerung ständig Kopf an Kopf lagen. Erst kurz vor der Wahl kam es zu einem „Last-Minute-Swing“ zu Gunsten der SPD (S.22). Warum? Antwort gab die Theorie der Schweigespirale: Danach hängt die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, von der wahrgenommenen Mehrheitsmeinung ab. Dabei können die Massenmedien, vor allem das Fernsehen, erheblichen Einfluss auf die Rezipienten und damit auf die öffentliche Meinung ausüben. Somit stand die Schweigespirale für eine Abwendung der Medienwirkungsforschung von Lazarsfeld’s Sicht zu einer Hypothese der „mächtigen Medien“.
„Isolationsfurcht“ treibt die Menschen
Die zentrale psychologische Annahme der Schweigespiralen-Theorie ist, dass die meisten Menschen „Isolationsfurcht“ empfinden („Soziale Natur des Menschen“) -von der Konformismus-Forschung, die diese „Natur“ der Menschen kritisch hinterfragt, hatte Noelle-Neumann wohl wenig Notiz genommen, worin auch Schulz/Rössler ihr nachfolgen. Menschen machen sich nach Noelle-N. ständig ein Bild von der Verteilung der Meinungen in der Öffentlichkeit und wollen nicht sozial isoliert sein. Gewinnt eine Meinung in den Medien, damals hauptsächlich die dominierenden Sender ARD und ZDF des Leitmediums Fernsehen, die Oberhand, beginnen die Andersdenkenden eher zu schweigen, was wieder zu weniger Medienpräsenz dieser Meinung führen soll – eine Schweigespirale setzt sich in Gang. Die Minderheitsfraktion verfällt also in Schweigen aus Furcht, sich sozial zu isolieren. Voraussetzung für das Auftreten einer Schweigespirale ist, dass der Gegenstand, das Thema des Meinungskampfes „moralisch geladen“ ist, also das emotionale Potential hat, die Minderheitsmeinung nicht nur als rational falsch, sondern sogar als moralisch schlecht erscheinen zu lassen. Es liegt auf der Hand, dass die heutige Mediensituation mit den von zahlreichen Privatfernsehkanälen entmachteten ARD und ZDF, mit AV-Medien allerorten und multiplen Öffentlichkeiten im Internet hier eine völlig neue Lage schafft.
Schulz/Rössler arbeiten sich nach dem extrem drögen Modellierungsverfahren des Soziologen Esser schematisch weiter voran, bebildert mit zahlreichen, oft nur wenig variierten schematischen Grafiken und Flussdiagrammen. Beginnend mit der Makro-Situation, wo sie nach Kontextvariablen der öffentlichen Meinung fragen, über die „Logik der Situation“, die zwischen Makro- und Mikro-Ebene liegt und Selektion, Rezeption und Verhalten betrachtet, zur Frage nach der „Isolationsfurcht“ in virtuellen Räumen. Auf einer Meso-Ebene von Gruppenkommunikation suchen sie, den Einfluss von Bezugsgruppen auch im Internet z.B. in der „Sprechsituation vor der anonymen Öffentlichkeit“ (S.135) auf Meinungsbildungsprozesse zu ergründen, bis hinab zur Mikro-Ebene des einzelnen Akteurs. Die Bezugnahmen auf Netzmedien geraten dabei meist wenig inspirierend, um nicht zu sagen in Allgemeinplätzen: „Das Internet bietet zahlreiche Möglichkeiten, sich ganz gezielt speziellen Kommunikationsinhalten aus unzähligen Informations-, vor allem aber auch Diskussionsfundgruben zuzuwenden.“ (S.216)
Mageres Ergebnis: Internet ist pluralistischer als Einheits-TV
Wenig überraschend ist auch das Ergebnis: „Das Internet ermöglicht (1) die Rezeption pluralistischer Medieninhalte; einer konsonanten Berichterstattung kann somit ausgewichen werden (bewusst oder unbewusst); und das Internet vermindert (2) die Wahrnehmung der Bedrohlichkeit von Öffentlichkeit (zumindest in der von Nölle-Neumann postulierten Allgegenwärtigkeit), indem sich nämlich Meinungsbildung und Meinungsäußerung mehr denn je in den Gruppenkontext verlagern, wodurch sich der Referenzrahmen verschiebt.“ (S.219) Es werden drei Szenarien abnehmender Pluralität aufgezählt:
1. Die Meinungsbildung verlagert sich in Teilöffentlichkeiten, die Themen sind von geringer öffentlicher Relevanz;
2. es kommt zu pluralistischer Meinungsbildung ohne Konsens der Teilöffentlichkeiten;
3. wie im klassischen Fall der Schweigespirale kommt es zu einer „öffentlichen Meinung mit stark normativer Ausstrahlungskraft“, der Thema [das Thema; ct] ist aktuell, hochgradig moralisch geladen und besitzt große öffentliche Relevanz, die Massenmedien berichten „konsonant“ zum Thema (S.221).
Die Reichweite der Aussagekraft ihrer Modellierung sehen die Autoren beschränkt „auf jenen Teil der Bevölkerung, der das Internet nutzt, um sich über Themen von gesellschaftlicher Bedeutung zu informieren.“ (S.237) Interessant ist vielleicht noch, dass die Rolle einer Avantgarde, die im Modell von Noelle-Neumann einen Meinungsumschwung durchsetzen kann, von Schulz/Rössler nun zunehmend von den „Digital Natives“ eingenommen sehen, die nicht nur konsumieren, sondern sich auch selbst im Netz äußern (S.220).
Fazit
Angesichts der anfangs aufgebauten hohen Erwartungen hinsichtlich des Erkenntnisgewinns der Studie, erscheint das Ergebnis doch reichlich ernüchternd. Die Literaturliste des Buches führt immerhin zahlreiche Arbeiten aus dem englischsprachigen Raum, sogar aus Japan auf, die meisten stammen allerdings von Patrick Rössler und Noelle-Neumann selbst. Historisch interessant ist der erste Eintrag ihrer gut ein Dutzend Werke, damals noch von Elisabeth Noelle (ohne Doppelnamen): „Meinungs- und Massenforschung in den USA“ publiziert in Frankfurt 1940; Schulz/Rössler führen diese Arbeit auch im Text an, aber ohne weiter auf die Umstände unter denen sie in der NS-Zeit entstanden sein muss einzugehen (S.21 f.).
Fazit: Die Abhandlung unterwirft sich unreflektiert dem affirmativen Modetrend vieler Medien- und KommunikationswissenschaftlerInnen, Medienethik fällt weniger in ihr Themenspektrum; insgesamt fallen die Thesen zu Pluralität und Teilöffentlichkeiten nicht durch besondere Originalität oder Instruktivität auf, die empirische Basis wirkt eher dünn, die möglichen Schlussfolgerungen banal. Ein Minimum an Kritikfähigkeit auch gegenüber dem großen Namen Noelle-Neumann hätte diesem sehr ins Hagiografische tendierenden Text gut getan.
Anne Schulz und Patrick Rössler: „Schweigespirale Online: Die Theorie der öffentlichen Meinung und das Internet“, 1.Auflage 2013, Baden-Baden: Nomos Verlag, (Reihe: Internet Research, Bd. 43)
---siehe:
Hetzkampagne der Großmedien
Die Geschichte der Demoskopin Noelle-Neumann wird erneut verdrängt
Von Werner Rügemer
Elisabeth Noelle-Neumann war zunächst eine begeisterte NS-Journalistin, eng verbunden mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels: Antisemitismus und Antimarxismus für das gebildete Publikum im In- und Ausland (Hochglanz-Zeitschrift „Das Reich“). Nach 1945war sie die zusammen mit ihrem Milieu zu christlichen Werten gewendete Wendehälsin als Chefin des Instituts für Demoskopie in Allensbach am Bodensee: Als einflussreiche und hochbezahlte Meinungs-Mitmacherin vor allem für Adenauers und Kohls Regierungen sowie für Unternehmen und die Wirtschaftslobby erst der halben, dann der endlich kapitalistisch vereinigten BRD. …mehr in NRhZ-online