Faschismus und Existenz: Les jeux sont faits

„Les jeux sont faits“, d.h. dt. „Das Spiel ist aus“, ist ein Drehbuch des französischen Existenz-Philosophen und Schriftstellers Jean-Paul Sartre. Es wurde 1943 geschrieben, 1947 von Jean Delannoy verfilmt, der surrealistische Film findet sich in den Rubriken Fantasy, Drama oder romantische Tragödie.
Obwohl naheliegend, kommt im Stück vorgeblich nicht direkt der von Sartre entwickelte marxistische Existentialismus zum Tragen. Sartre selbst hat behauptet, dass sein Existenzialismus kein Ende des dort beschriebenen Spieles zuließe, da sich noch nach dem Tod die Handlungen der Menschen fortsetzten würden. Schon der Titel des Drehbuchs, „Les jeux sont faits“, eröffnet eine Interpretationslinie: Die Phrase ist eine beim Roulette gebräuchliche Wendung, die normalerweise noch mit „rien ne va plus“ („nichts geht mehr“) ergänzt wird. Schon dieser Titel deutet daraufhin, dass die Protagonisten des Stückes alles auf eine Chance setzen werden und ihnen danach jeder weitere Spielzug“ verwehrt ist.
Die Handlung
Die Handlung spielt in einem faschistischen Staat und beginnt mit dem Tod der beiden Akteure. Sie spielt in einer unbenannten Stadt im Frankreich der frühen 1940er Jahre, das von einem fiktiven diktatorischen Regenten beherrscht wird. Etwa gleichzeitig sterben die bürgerlich lebende Dame Ève Charlier und Pierre Dumaine, ein Mitglied der Untergrundbewegung und Chef der „Ligue pour la liberté“, die einen bewaffneten Aufstand plant. Ève wird von ihrem Mann, dem Milizsekretär André Charlier, vergiftet, Dumaine dagegen wird von einem Spitzel der Faschisten erschossen.
Nach ihrem Tod folgen die Protagonisten einer inneren Stimme, die sie zu einem Zimmer in der Rue Laguénésie führt. Dort erfahren Ève und Pierre von einer hinter einem Tisch sitzenden gesichtslosen Bürokratin, dass sie tot sind. Den Toten wird hier von einer für Sterbeangelegenheiten zuständigen, betagten Beamtin ihre
Situation erklärt, bevor sie ins Jenseits entlassen werden (die Idee Sartres wird in der US-amerikanische Horror-Komödie Beetlejuice 1988 wieder aufgegriffen).
Ève und Pierre, die sich hier zum ersten Mal begegnen, verlieben sich nach kurzer Zeit ineinander. Ihnen wird gesagt, dass sie sich weiterhin in der realen Welt bewegen können, jedoch von den Lebenden nicht wahrgenommen werden und keinen Einfluss mehr auf die reale Welt nehmen können. Nachdem die Bürokratie des Jenseits sie registriert hat, können sie gehen wohin sie wollen.
Pierre findet heraus, dass sein geplanter Aufstand verraten wurde und die Regierung eine Falle für seine Freunde plant. Ève kommt dahinter, dass sich ihr Mann, André, nun an Èves Schwester Lucette heranmacht. Ève und Pierre sorgen sich um ihre Freunde und Verwandten und da sie keinen Einfluss auf die Welt der Lebenden nehmen können, wird es für sie zur Qual, zusehen zu müssen, aber nichts tun zu können. Alle als Geister wandelnden Toten werden dadurch zu Pessimisten, denen ihr verflossenes Leben absurd und sinnlos erscheint.
Doch die beiden Protagonisten Sartres erhalten eine ungewöhnliche Chance: Bei einem weiteren Besuch in der Rue Laguénésie wird ihnen enthüllt, dass sie laut Aktenlage von Geburt an füreinander bestimmt gewesen wären, aber aufgrund eines bürokratischen Fehlers einander nicht begegnet sind. Sie erhalten die Möglichkeit ins Leben zurückzukehren, um ihre Liebe unter Beweis zu stellen. Von der Situation überwältigt, stimmen beide sofort zu, zurückkehren zu dürfen. Dabei wird nicht ganz klar, ob die beiden aus Liebe zustimmen, oder ob sie es tun, damit Pierre seine Freunde, und Ève ihre Schwester warnen kann. Die Sache hat aber einen Haken: Pierre und Ève dürfen nur in der Welt der Lebenden bleiben, wenn sie es schaffen, innerhalb von 24 Stunden einander uneingeschränkt zu vertrauen und ihre Zuneigung gegenüber den auftretenden Schwierigkeiten zu behaupten. Dies gelingt ihnen jedoch nicht. Zweifel aufgrund der ungleichen sozialen Herkunft und nicht gelöste Konflikte in der Vergangenheit führen am Ende zum erneuten gewaltsamen Tod der beiden.
Existenzialismus
Das Grundprinzip des Existenzialismus kommt dadurch zum Tragen, dass der Mensch selbst für seine Handlungen und somit seinen Erfolg oder sein Scheitern verantwortlich ist. Ève und Pierre haben sich aus freien Stücken dafür entschieden, nicht für ihre Liebe, sondern für ihre verbliebenen Verpflichtungen zu kämpfen und haben damit selbst ihr Schicksal besiegelt. Man würde vermuten, dass das das Jenseits an sich den Determinismus symbolisiert, da dort scheinbar die Würfel gefallen sind und nichts mehr geht, unter der Annahme, dass die Toten in das weltliche Geschehen nicht mehr eingreifen können. Betrachtet man das Jenseits jedoch unter Berücksichtigung von Sartres Philosophie, so stellt man fest, dass das Wirken der Menschen keinesfalls mit deren Tod endet, sondern indirekt immer noch Einfluss auf das Geschehen in der Welt hat, vgl. Heger/Sutrich 2009.

Die Filmversion
Die Verfilmung durch den Regisseur Jean Delannoy erfolgte im selben Jahr wie die Veröffentlichung des Primärtextes, 1947. Wie dem Filmvorspann zu entnehmen ist, handelt es sich um eine Adaptation des Original-Drehbuchs Sartres. Dieser hatte bereits vier Jahre zuvor im Auftrag der französischen Filmgesellschaft Pathé sein Scénario –und sieben weitere– verfasst (Albersmeier S.29ff.). An eine Veröffentlichung etwa noch während der Zeit der deutschen Besetzung war wegen des brisanten zeitgeschichtlichen Aspekts nicht zu denken. Der in schwarz-weiß gedrehte Film hat eine Länge von 86 Minuten. Die Hauptrollen wurden zwar mit Micheline Presle und Marcel Pagliero besetzt, bei seiner Premiere anlässlich der Filmfestspiele in Cannes 1947 fiel der Film Les jeux sont faits bei den Kritikern jedoch durch.

Literatur
Albersmeier, Franz-Josef, „Das Spiel ist (nicht) aus. Zu Sartres Filmdrehbüchern Les jeux sont faits und Résistance, in: Lommel, Michael/Roloff, Volker (eds.), Sartre und die Medien, Medienbücher 24, Transcript, Bielefeld 2008
Heger, Isabel und Katharina Sutrich, Transmediale Transzendenz: Die Darstellung des Jenseits in Jean-Paul Sartres Werk
Les jeux sont faits und der gleichnamigen Verfilmung von Jean Delannoy (Studienarbeit 2006)
Sartre, Jean-Paul, Les jeux sont faits, Gallimard, Paris 1996


1 Antwort auf „Faschismus und Existenz: Les jeux sont faits“


  1. 1 Administrator 16. Dezember 2013 um 13:53 Uhr

    Lieber Sartre als Camus
    Sartres frankostalinistische Haltung ist der Zeit geschuldet und verzeihlich -denn seine Werke haben mehr gegen totalitäre Regime bewirkt als Hannah Arendts CIA-Auftrags-Philosophie eines angeblichen politischen Kreises, die den reaktionären Gleichsetzern von Fascismus und Stalinismus den Weg bereitete.

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